Über die Frankfurter Schule der Kontemplation (FSK)

Die Leitung der FSK liegt bei ihrem Begründer Dr. Dr. Peter Lipsett. Er ist Kontemplationslehrer, Religionsphilosoph, Supervisor und geistlicher Begleiter mit psychologischer Zusatzausbildung.

Selbstverständnis, Herkunft und Richtung

Wir – die lernenden und lehrenden Mitglieder und Vertreter der Linie der Frankfurter Schule der Kontemplation (FSK) – verstehen uns als spirituelle Weggemeinschaft, die mit der Praxis der Kontemplation den Weg einer modernen, christlichen Mystik geht. Wir definieren uns über das gemeinsame Ziel eines unmittelbaren, umgreifenden Einsseins von Selbst, Gott und Welt sowie über den gemeinsamen Prozess eines ringenden Suchens und gegebenenfalls Findens

Es gilt hierbei gleichzeitig die Werte von Individualität und Gemeinsamkeit zu realisieren, und sich dabei vom ‚Mental-kloning‘ einer ideologischen Doktrin abzugrenzen, das sich in Uniformierung von Habitus, Sprechweise, Kleidung oder gar blindem Gehorsam gegenüber einer Person etc. äußern könnte.

Aus dem konsequenten Gehen des Weges erwächst das Anliegen, denselben mit anderen zu teilen und, wo irgend möglich, auch verstehbar und erfahrbar zu machen. Darum liegt über die kontemplative Praxis hinaus ein wichtiger Akzent der Linie der Frankfurter Schule der Kontemplation auf der gedanklichen Durchdringung unseres Weges. Zu diesem Zweck ist es zunächst erforderlich, bestimmte Quellen der abendländisch christlichen Tradition (Wolke des Nichtwissens, Theresa von Avila und insbesondere Meister Eckehart) gründlich kennenzulernen verstehend anzueignen.

Ein weiterer wichtiger Akzent liegt auf ihrer zeitgemäßen Aktualisierung anhand von moderneren philosophischen Grundlagenwerken, wie etwa der Lebensphilosophie (F. Nietzsche), der Religionsphilosophie (M. Buber und P. Tillich) und der Transzendental-Hermeneutik (K.-O. Apel). Diese umfassende Reflexion ermöglicht es, auch auf aktuellem wissenschafts­theoretischen Niveau den kritischen Anfragen eines naturwissenschaftlich geprägten Denkens (etwa des Szientismus oder der Neurowissenschaften) standzuhalten.

Darüber hinaus eröffnet die religionswissenschaftlich vergleichende Auseinandersetzung mit auch außerchristlichen spirituellen Schulen (Daoismus, Zen, Yoga, Chassidismus) weitere Dimensionen des Blickwinkels, vertieft das Verständnis der universellen Wegstrukturen und erschließt so den großen Gesamtkontext.

All diese Akzente zusammengenommen sollen die geistige Weite schaffen für ein modernes, ebenso autonomes wie adogmatisches Religions- und Selbstverständnis.

Der daraus erwachsende Anspruch auf Unhintergehbarkeit eines Ringens um Wahrheit und Richtigkeit bedeutet, dass es kein Zurückfallen hinter die Prinzipien der Vernunft und des freien Willens geben darf. Dies erscheint uns nicht als Widerspruch, sondern im Gegenteil als Grundvoraussetzung, um in mündiger Weise über die Vernunft hinaus zur Erfahrung adualer Wirklichkeit, zu reiner Seinserfahrung vorzustoßen.

Das Geschenk einer Erfahrung des umgreifenden Einsseins mit allem, was im ewigen Jetzt ist, verändert unser Handeln in der Welt unwillkürlich in Richtung auf wachsende Selbstverantwortlichkeit und Authentizität. Aber sogar die tiefste Einheitserfahrung macht ein modernes postkonventionelles Ethikverständnis nicht zum entbehrlichen Beiwerk. Die politische Dimension gesellschaftlicher Verantwortung bleibt zwischen aufgeklärten und autonomen Individuen aus prinzipiellen Gründen unverzichtbar und wird zum integralen Bestandteil eines ganzheitlich verstandenen Weges. Diese in der Linie kritischer Philosophie stehende Position fordert auf zum beständigen Ringen um das mitmenschlich und gesellschaftlich Richtige. Der moderne Ansatz einer transzendental-pragmatischen Kommunikationsethik (K.-O. Apel) ist mit Blick auf ein verantwortungsvolles Handeln in der global vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts für uns richtungsweisend.

Vertiefende Erläuterungen zum trinitarischen Gottesverständnis

Es geht darum, ein Bewusstsein zu entwickeln vom Göttlichen als Einheit, das nicht monistisch reduziert ist; und zugleich ein Bewusstsein vom Göttlichen als Dualität, das nicht dualistisch reduziert ist: Ein Bewusstsein vom Göttlichen als Trinität, das Einheitsbewusstsein und Dualitätsbewusstsein miteinander verbindet. Dieses integrative Bewusstsein, das nicht mit dem Verstand, sondern nur als mystisches Erleben mit der höheren, intuitiven Vernunft erfassbar ist, bezeichnen wir als trinitarisch. (Metaphorisch: 1+2→3). Wo reines Sein-selbst in einem innertrinitarischen oder auch konkret persönlichen Selbst-sein sich ereignet, da kann dieses als Selbst-Bewusst-Sein – wie in einem ewigen Spiegel ebenbildlich reflektierend – aufscheinen und in liebender Begegnung mit der Welt hervortreten.

Der Heilige Geist, welcher väterliche Existenz und sohnhafte Essenz wirkkräftig aktualisiert, ist in einer doppelten Hinsicht beschreibbar, nämlich zum einen eingefaltet als innertrinitarisch transzendent und zum anderen ausgefaltet als in der Weltschöpfung immanent wirksam. Er vollendet sich in der Inkarnation des Göttlichen im Menschen, und zwar nicht allein exemplarisch in Jesus, sondern zugleich gemäß seiner Anlage als Menschennatur in jedem Menschenwesen. So ist das Prinzip des Heiligen Geistes mithin eine im Schöpfungsbereich aktualisierte Immanenz der Transzendenz, eine Einwohnung des Göttlichen im Menschen.

Wesentliche Schlussfolgerung aus einem solchen Verständnis der Wirklichkeit ist die prinzipielle Gleichrangigkeit von Welt und Transzendenz! Die Konsequenzen dieses Grundansatzes sind sowohl intellektuell, emotional und lebenspraktisch von großer Tragweite: Ethisches Handeln kann als unendlich viel mehr erschlossen werden, als nur Menschenwerk. Es kann aus der trinitarischen Tiefendimension heraus verstanden werden als unmittelbare Manifestation des Göttlichen, als Immanenz der Transzendenz: ‚Guter Wille an sich‚ ist identisch mit ‚Gottes Wille‘ ! Und: ‚Guter Wille des Menschen ist essentiell identisch mit ‚Gottes Wille‘ ! Darum ist das ethische Handeln des Menschen ein Vollzug der Einheit mit dem Göttlichen. Es ist nicht nur ein Mittel zum Zweck der Annäherung an Gott, sondern es ist unmittelbarer Ausdruck von Göttlichem.

Zum Weltverständnis und Ethik

Die mit Kierkegaard so formulierte Unterscheidung, sich ‚dem Absoluten absolut und dem Relativen relativ zuzuwenden‘, schlägt eine Schneise in all unseren Umgang mit der Welt. Die Welt wirklich ernst nehmen, als gleich wichtig wie das transzendent Göttliche, muss mehr meinen, als nur eine achtsame Lebensführung, die in der Lebenswelt – sozusagen ‚auf dem Marktplatz‘ – ankommt. Wir müssen die Gesetze des Marktes und die Gesetzmäßigkeiten der Welt kennen, um ihnen gemäß richtig in der Welt richtig handeln zu können. Dies führt zunächst mit innerer Notwendigkeit zur Erkenntnis der Notwendigkeit fundierter Selbsterkenntnis.

Daraus, die Welt wirklich ernst nehmen, leitet sich weitergehend die Notwendigkeit einer sowohl modern gegründeten als auch mit dem Rückwegsgedanken kompatiblen Ethik ab. Die Geltungsansprüche von Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Richtigkeit existieren. Sie sind nicht beliebig, sondern in jeder Kommunikationssituation je schon immer vorausgesetzt (Kommunikationsapriori), durch strikte Selbstreflexion (transzendentalpragmatische Letztbegründung) aufweisbar und mithin unhintergehbar. Sie gilt es lebenspraktisch zu realisieren und nicht zu hintergehen.

Das Richtigkeitsprinzip hat Vorrang vor Zweckmäßigkeit /Effizienz /Kommerzialisierung ebenso wie vor einem hedonistischen Lustprinzip (vgl. Platos Orientierungsmaßstäbe: Das Gute hat Vorrang vor dem Nützlichen und dem Angenehmen). Schon allein durch die Befolgung dieser einfachen Prioritätsregel werden sämtliche gängigen Gesetze der marktförmig kolonialisierten Lebenswelt nachhaltig auf den Prüfstand gestellt.

Höchste Erleuchtung führt im besten gelingenden Falle zu höchster edelster Gesinnung. Das Ethos einer guten Gesinnung aber reicht allein für sich genommen noch nicht aus, vielmehr ist darüber hinaus eine rückweglich integrierte Ethik der Verantwortung gefordert.

Eine bestenfalls aus dem Übungsweg erwachsene gute Gesinnung macht deshalb die Dimension der Verantwortung nicht überflüssig. Sie verpflichtet insbesondere auf ein Handeln in und an der Welt, das die Prinzipien der Autonomie, Mündigkeit und Selbstverantwortlichkeit in allen Stadien und in allen Aspekten des Weges befolgt.

Der gleichgewichtige Stellenwert von Gott und Welt erhellt auf dem spirituellen Weg im Hinblick auf die Einübung wie bedeutsam die Unterscheidung und vor allem komplementäre Praxis von ‚innerer Übung‘ und auch ‚Alltagsübung‘ tatsächlich ist. Er erhellt darüber hinaus im Hinblick auf die Ausübung wie hilfreich es sein kann, von Anfang an nicht nur den Hinweg zum Absoluten, sondern auch den Rückweg von dort hin zur liebenden Begegnung mit der Welt und ihrer schöpferischen Neugestaltung zum Wohle aller im Blick zu behalten.